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Radfahrlust bringt alle in Bewegung

Radfahren für jeden

09. Mai 2008 - Badische Zeitung online.
Unter den 40 Fahrradgeschäften in Freiburg gibt es vier, die sich auch auf Räder für Menschen mit Behinderung spezialisiert haben.
Gerne wird Freiburg eine Fahrradstadt genannt. Dies beweist nicht nur der Anteil der Radler am städtischen Verkehr, der circa 35 Prozent beträgt. Auch die 40 Fahrradgeschäfte mit insgesamt etwa 16 Millionen Euro Umsatz im Jahr zeugen von einem guten Fahrradstandort. Den finden hier auch behinderte Radlerinnen und Radler vor: Denn vier Fahrradläden haben sich auf die Anforderungen spezialisiert, die Behinderten-Räder an Konstruktion und Ausstattung stellen.

Klaus Vock und die Radfahrlust

Als Klaus Vock noch gesund war, ist er einfach gerne Fahrrad gefahren. Nach der Diagnose Multiple Sklerose brauchte er eine Weile, bis die Lust an der körperlichen Leistung ihn wieder packte. Und er brauchte das richtige Rad. Das fand er im "Radhaus" — und mittlerweile ist ihm das Glück dieses Fundes zur Mission geworden: Klaus Vock will andere zur Bewegung animieren. Sein sportliches Liegedreirad lässt sich an diverse Bedürfnisse anpassen — bei ihm war das der Beginn der wiederentdeckten Radfahrlust.

Spezialräder werden immer besser

"Das ist eigentlich für jeden Fahrradmechaniker, für jeden Fahrradfreak die immerwährende Herausforderung: für alle Gegebenheiten eine ergonomische Lösung zu finden" , sagt Radhaus-Mitarbeiter Alexander Kopp. Im Radhaus hat das Probleme begreifen und mit Sachverstand lösen eine lange Tradition.
Günter Feierer etwa, hat seit einem Gehirnschlag vor 30 Jahren so massive Gleichgewichtsstörungen, dass er auf den Rollstuhl angewiesen ist. Oder auf sein Spezialfahrrad mit drei Rädern. Das erste wirklich taugliche hat der heute 53-Jährige 1990 im Radhaus gebaut bekommen, seit fünf Jahren hat er von dort das ideale Fahrzeug — "quasi von der Stange" : auch hier ist es ein Dreirad, das zur bestmöglichen Fortbewegung verhilft. "Im Stadtverkehr mache ich alle Wege mit dem Rad" , erzählt Feierer, "da bin ich schneller und komme weiter als mit Bahn und Rollstuhl."

Auch Gerd Rettig, nach einer Kinderlähmung im Säuglingsalter gehbehindert, war seit den frühen 80ern auf der Suche nach einem fahrradmäßigen Fortbewegungsmittel. Für ihn kam nur ein Rad mit Handkurbelbetrieb in Frage. Damals war es Heinz Böttcher, eine Freiburger Legende unter Fahrradfricklern, der ihm das erste Gefährt zusammenschweißte. Einmal in der Szene der ehrgeizigen Tüftler und Bastler angekommen, geriet er in den 90ern an Thomas Feldmann von Velomanie — und an sein Klassiker-Handbike: "Das wurde damals noch von der Kasse bezahlt." Und so sollte es auch heute noch sein, findet Fahrradmechaniker Dominik Langer von "Radieschen" . Seit fünf Jahren baut auch dieses Geschäft auf den Bereich "Spezialräder" : "Da hat sich ganz viel getan — die Räder für besondere Erfordernisse werden immer besser." Und so gehen denn die Kassen längst nicht mehr davon aus, dass diese Fortbewegungsgeräte Hilfsmittel sind: Gezahlt wird in der Regel höchstens noch für Kinder.

Radfahren als gesundheitliche Prävention

Das muss sich ändern, findet die Freiburger Behindertenbeauftragte Esther Grunemann: "Für Menschen, deren Mobilität eingeschränkt ist, hat ein Fahrrad nichts mit Lifestyle und Luxus zu tun — es ist eine Notwendigkeit für die Fortbewegung und ein Muss im Sinne der gesundheitlichen Prävention." Bewegung heilt und ist ein Grundbedürfnis. So sieht das auch Felix Kosicki, der sich trotz spastischer Lähmung dank eines Spezialrads seine "Wegkompetenz" zurückerobern konnte. Und die wäre noch höher, betonen die behinderten Radler, wenn die Radwege in der Fahrradstadt Freiburg breiter wären.

Von BZ-Redakteurin Julia Littmann

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